
Reeperbahn Nr. 1
Bei strahlendem Sonnenschein genießen wir St. Pauli. Am Pinnasberg treffen sich die, die die auf die Elbe schauen wollen, ohne sich unter die 1,2 Millionen Besucher des Hafengeburtstages zu mischen. Fliegerstaffeln, Hubschrauber, Kampfschiffe geben dem Fest eine seltsame Note. Der Kirchhof der St. Pauli Kirche ist beim Hafengeburtstag nur während der Gottesdienste geöffnet. Der Softeiswagen macht ein gutes Geschäft. Ich habe Halsschmerzen und kaufe mir ein Eis. Auch wenn ich nicht gerne Eis esse. Das Erdbeereis schmeckt künstlich. Für 1,20 gibt es schon die besseren Waffeln.
Nach einer Woche voller Wehmut und Abschiedsvorbereitungen nimmt man auch auf St. Pauli Abschied. Das alte Bowlingbahn-Gebäude, heute Reeperbahn Nr. 1, wird bald abgerissen. Davon spricht man schon lange. 2003 verabschiedeten wir uns vom Mojo und jetzt geht es weiter. Im Skam celebriert man den Abschied. Ich habe meine Kamera vergessen und kann die letzten Augenblicke nicht festhalten. Vielleicht ist das ja auch besser so.
An vielen Ecken steht Kunst rum. Ein paar Fenster lassen Licht und Luft in die großen Räume. Ein Sängerin spielt am E-Piano traurige Weisen. „Halt mich fest, auch wenn wir uns grade hassen“. Das Gefühl kenne ich.
Nachbarn, Künstler, Kunstfreunde und -Banausen treffen sich ein letztes Mal. Gegen vier Uhr kommen die Familien mit gelockten Kindern in Retterchen T-Shirts. St. Pauli hat grade am Millerntor 2:0 gewonnen.
Auf einigen Kunstwerken liegt eine Staubschicht. Andere stehen schon nicht mehr da. Ich trete ans Fenster und blicke auf die Reeperbahn. Hafengeburtstagsbesucher aus der Provinz, Fußballfans – gleich gibt es noch Werder:HSV, zum vierten Mal – und die, die hier leben ziehen vorrüber. Wieder stirbt ein Stück von St. Pauli. Ein letzter Blick, ein letztes Mal. Wir gehen, mit Wehmut.
1 Antwort bis hierher ↓
djdeutschland // Mai 17, 2009 um 9:38 |
Gentrification umdrehen.
Wir werden auch den neuen, schönen Leerstand bespielen.
So oder so,
schöner Text.
Dj